Was Verhütung bedeutet
Verhütung – auch Kontrazeption genannt – umfasst alle Maßnahmen, die eine ungewollte Schwangerschaft verhindern sollen. Der Begriff stammt vom lateinischen „conceptio" (Empfängnis) und „contra" (gegen). Verhütung kann auf sehr unterschiedliche Weise funktionieren: hormonell, mechanisch, chemisch oder durch Verhaltensanpassung.Wichtig zu wissen: Nicht jede Verhütungsmethode schützt gleichzeitig vor sexuell übertragbaren Infektionen (STI). Nur Barrieremethoden wie Kondome oder Femidome bieten diesen doppelten Schutz. Wer sich umfassend schützen möchte, sollte beide Aspekte im Blick behalten – das nennt man Doppelschutz.
Warum Verhütung mehr als Schwangerschaftsverhütung ist
Verhütung dient nicht nur der Vermeidung einer Schwangerschaft. Sie kann auch:- Vor sexuell übertragbaren Infektionen schützen (Barrieremethoden)
- Den Menstruationszyklus regulieren oder Beschwerden lindern (hormonelle Methoden)
- Selbstbestimmung und Sicherheit im Sexualleben fördern
- Die Planung von Familie und Lebensweg unterstützen
Grundlagen der Verhütung
Doppelschutz: Schwangerschaft und STI
Doppelschutz bedeutet, zwei Verhütungsmethoden zu kombinieren: eine Methode zur Schwangerschaftsverhütung (z. B. die Pille) und eine Barrieremethode zum Schutz vor STI (z. B. ein Kondom). Diese Kombination bietet den umfassendsten Schutz.Sicherheit und Pearl-Index
Die Sicherheit einer Verhütungsmethode wird mit dem sogenannten Pearl-Index angegeben. Er beschreibt, wie viele Frauen von 100 Frauen, die diese Methode ein Jahr lang anwenden, ungewollt schwanger werden. Je niedriger der Pearl-Index, desto sicherer die Methode.- Pearl-Index unter 1: Sehr sichere Methoden (z. B. Hormonimplantat, Spirale)
- Pearl-Index 1 bis 9: Sichere Methoden bei korrekter Anwendung (z. B. Pille, Kondom)
- Pearl-Index über 9: Weniger sichere Methoden (z. B. Coitus interruptus)
Die passende Methode finden
Welche Methode die richtige ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Folgende Fragen können bei der Entscheidung helfen:- Soll die Methode vor Schwangerschaft, vor STI oder vor beidem schützen?
- Möchtest du eine hormonelle oder eine hormonfreie Methode?
- Wie wichtig ist dir eine dauerhafte oder eine flexible Lösung?
- Gibt es gesundheitliche Gründe, die bestimmte Methoden ausschließen?
- Wie hoch ist dein persönliches Risiko für STI?
Alle Verhütungsmethoden im Detailvergleich
Die folgende Tabelle stellt alle Verhütungsmethoden gegenüber, die zuverlässig vor einer Schwangerschaft schützen. Sie zeigt, wie sicher die Methode ist, ob sie Hormone enthält, wie lange sie wirkt und ob sie vor sexuell übertragbaren Infektionen schützt. Der Pearl-Index wird in zwei Werten angegeben: perfekt (bei idealer Anwendung) und typisch (bei durchschnittlicher Anwendung mit kleinen Fehlern).| Methode | Kategorie | Hormone | Pearl-Index (perfekt / typisch) | Wirkdauer | STI-Schutz | Rezeptpflicht |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Kombi-Pille | Hormonell | Ja (Östrogen + Gestagen) | 0,3 / 9 | Täglich | Nein | Ja |
| Minipille | Hormonell | Ja (nur Gestagen) | 0,4 / 9 | Täglich | Nein | Ja |
| Vaginalring | Hormonell | Ja (Östrogen + Gestagen) | 0,3 / 9 | 1x pro Monat | Nein | Ja |
| Verhütungspflaster | Hormonell | Ja (Östrogen + Gestagen) | 0,3 / 9 | Wöchentlich | Nein | Ja |
| Hormonimplantat | Hormonell | Ja (nur Gestagen) | 0,05 / 0,05 | Bis zu 3 Jahre | Nein | Ja |
| Dreimonatsspritze | Hormonell | Ja (nur Gestagen) | 0,2 / 0,4 | 3 Monate | Nein | Ja |
| Hormonspirale | Hormonell / Intrauterin | Ja (nur Gestagen) | 0,1–0,2 / 0,1–0,2 | 3 bis 8 Jahre | Nein | Ja |
| Kupferspirale | Intrauterin | Nein | 0,3–0,8 / 0,3–0,8 | 3 bis 10 Jahre | Nein | Ja |
| Kupferkette | Intrauterin | Nein | 0,3–0,8 / 0,3–0,8 | Bis zu 10 Jahre | Nein | Ja |
| Kondom (Mann) | Barriere | Nein | 2 / 18 | Bei jedem Sex | Ja | Nein |
| Femidom (Frau) | Barriere | Nein | 5 / 21 | Bei jedem Sex | Ja | Nein |
| Diaphragma | Barriere | Nein | 4–8 / 12–16 | Bei jedem Sex | Teilweise | Ja (Anpassung) |
| Portiokappe | Barriere | Nein | 4–8 / 12–16 | Bei jedem Sex | Teilweise | Ja (Anpassung) |
| Lecktuch | Barriere | Nein | – | Bei Oralsex | Ja (Oralsex) | Nein |
| Symptothermale Methode | Natürlich | Nein | 0,4 / 1,8–2,3 | Täglich beobachten | Nein | Nein |
| Temperaturmethode | Natürlich | Nein | 0,3–0,8 / 3–20 | Täglich messen | Nein | Nein |
| Pille danach (Levonorgestrel) | Notfall | Ja (nur Gestagen) | – / 2–3 % Versagerrate | Einmalig | Nein | Nein |
| Pille danach (Ulipristalacetat) | Notfall | Ja (SPRM) | – / 1,5 % Versagerrate | Einmalig | Nein | Ja |
| Spirale danach | Notfall | Nein (Kupfer) | – / 0,1 % Versagerrate | Bis zu 10 Jahre | Nein | Ja |
| Sterilisation (Frau) | Sterilisation | Nein | 0,2–0,3 / 0,2–0,3 | Dauerhaft | Nein | Ja |
| Sterilisation (Mann) | Sterilisation | Nein | 0,1–0,15 / 0,1–0,15 | Dauerhaft | Nein | Ja |
| PrEP | HIV-Vorsorge | Nein (Antiretroviral) | – / bis zu 99 % HIV-Schutz | Täglich oder ereignisgesteuert | Nur HIV | Ja |
Alle Verhütungsmethoden auf einen Blick – nach Kategorie sortiert
Hormonelle Verhütungsmethoden
- Kombi-Pille: Tägliche Einnahme, enthält Östrogen und Gestagen, Pearl-Index 0,3 / 9
- Minipille: Tägliche Einnahme, nur Gestagen, Pearl-Index 0,4 / 9
- Vaginalring: Monatliche Anwendung, Östrogen und Gestagen, Pearl-Index 0,3 / 9
- Verhütungspflaster: Wöchentlicher Wechsel, Östrogen und Gestagen, Pearl-Index 0,3 / 9
- Hormonimplantat: Bis zu 3 Jahre, nur Gestagen, Pearl-Index 0,05
- Dreimonatsspritze: Alle 3 Monate, nur Gestagen, Pearl-Index 0,2 / 0,4
- Hormonspirale: 3 bis 8 Jahre, nur Gestagen, Pearl-Index 0,1–0,2
Barrieremethoden
- Kondom (Mann): Bei jedem Sex, Latex/Polyurethan, Pearl-Index 2 / 18, schützt vor STI
- Femidom (Frau): Bei jedem Sex, Polyurethan/Nitril, Pearl-Index 5 / 21, schützt vor STI
- Diaphragma: Bei jedem Sex, mit Spermizid, Pearl-Index 4–8 / 12–16, teilweise STI-Schutz
- Portiokappe: Bei jedem Sex, mit Spermizid, Pearl-Index 4–8 / 12–16, teilweise STI-Schutz
- Lecktuch: Bei Oralsex, Latex/Gummi, schützt vor STI
Intrauterine Methoden
- Kupferspirale: 3 bis 10 Jahre, hormonfrei, Pearl-Index 0,3–0,8
- Kupferkette: Bis zu 10 Jahre, hormonfrei, Pearl-Index 0,3–0,8
- Hormonspirale: 3 bis 8 Jahre, nur Gestagen, Pearl-Index 0,1–0,2
Natürliche Verhütungsmethoden
- Symptothermale Methode: Temperatur + Zervixschleim, Pearl-Index 0,4 / 1,8–2,3
- Temperaturmethode: Nur Basaltemperatur, Pearl-Index 0,3–0,8 / 3–20
- Zervixschleim-Methode (Billings): Nur Zervixschleim, Pearl-Index 1–3 / 10–15
- Laktationsamenorrhoe (LAM): Ausschließliches Stillen, nur in den ersten 6 Monaten
Notfallverhütung
- Levonorgestrel: Innerhalb von 72 Stunden, rezeptfrei, Versagerrate 2–3 %
- Ulipristalacetat: Innerhalb von 120 Stunden, rezeptpflichtig, Versagerrate 1,5 %
- Kupferspirale danach: Innerhalb von 5 Tagen, Versagerrate 0,1 %
- Hormonspirale danach: Innerhalb von 5 Tagen, Versagerrate 0,3 %
Sterilisation
- Tubenligatur (Frau): Dauerhaft, Pearl-Index 0,2–0,3, Vollnarkose
- Vasektomie (Mann): Dauerhaft, Pearl-Index 0,1–0,15, lokale Betäubung
HIV-Vorsorge
- PrEP (orale PrEP): Täglich oder ereignisgesteuert, schützt bis zu 99 % vor HIV
- PrEP (injizierbar): Cabotegravir alle 2 Monate, Lenacapavir alle 6 Monate
Verhütungsmythen
Rund um das Thema Verhütung kursieren viele Mythen und Halbwahrheiten. Manche klingen plausibel, andere sind längst widerlegt – und doch halten sie sich hartnäckig. Die folgenden Methoden und Annahmen funktionieren nicht als Verhütung und können zu einer ungewollten Schwangerschaft oder einer sexuell übertragbaren Infektion führen.- Coitus interruptus („Rückzieher"): Der Mann zieht den Penis vor dem Samenerguss zurück. Schon der Lusttropfen enthält Spermien – der Pearl-Index liegt bei 4 bis 22.
- Kalendermethode: Nur für Frauen mit sehr regelmäßigem Zyklus geeignet – sehr unsicher (Pearl-Index 5–9 bei perfekter Anwendung, 12–40 bei typischer Anwendung).
- Scheidenspülung nach dem Sex: Spermien erreichen die Gebärmutter zu schnell. Eine Spülung kann eine Schwangerschaft nicht verhindern.
- Zwei Kondome übereinander: Die Reibung zwischen zwei Kondomen erhöht das Rissrisiko – sie bieten weniger Schutz, nicht mehr.
- Stillen als Verhütung: Nur unter drei Bedingungen zuverlässig: ausschließliches Stillen, keine Periode und weniger als 6 Monate nach der Geburt.
- Sex während der Periode: Spermien überleben bis zu 5 Tage. Bei frühem Eisprung ist eine Schwangerschaft möglich.
- „Beim ersten Mal kann man nicht schwanger werden": Falsch – der Eisprung findet bereits vor der ersten Periode statt.
- Pille danach als reguläre Verhütung: Sie ist ein Notfallmedikament, kein Ersatz für regelmäßige Verhütung.
- „Mit der Pille braucht man kein Kondom": Die Pille schützt nicht vor STI. Nur Kondome und Femidome bieten STI-Schutz.
- „Sex mit einer Jungfrau heilt HIV": Falsch und lebensgefährlich. HIV ist nicht heilbar.
Prävention und Schutz
Verhütung ist nur ein Baustein der sexuellen Gesundheit. Für umfassenden Schutz gehören weitere Maßnahmen dazu:- Safer Sex praktizieren: Kondome konsequent und korrekt verwenden.
- Regelmäßige Tests: Besonders bei wechselnden Partnern oder ungeschütztem Sex.
- Impfungen: Gegen HPV und Hepatitis B sind Impfungen verfügbar.
- PrEP (Präexpositionsprophylaxe): Medikamentöse Vorsorge für Menschen mit erhöhtem HIV-Risiko.
- Offene Kommunikation: Sprich mit deinem Partner über Schutz und Teststatus.
Verhütung in besonderen Situationen
Die passende Verhütungsmethode kann sich je nach Lebenssituation ändern. Besondere Situationen erfordern manchmal besondere Überlegungen:- Nach der Geburt: Stillen schützt nicht zuverlässig vor einer erneuten Schwangerschaft.
- In den Wechseljahren: Eine Schwangerschaft ist bis zur letzten Regelblutung möglich.
- Bei Vorerkrankungen: Manche Methoden sind bei bestimmten Erkrankungen nicht geeignet.
- Für Menschen mit Behinderung: Barrierefreie Beratung und individuelle Lösungen sind möglich.
Häufige Fragen zur Verhütung
Was ist der Pearl-Index?
Der Pearl-Index gibt an, wie zuverlässig eine Verhütungsmethode ist. Je niedriger der Wert, desto sicherer die Methode.Schützt die Pille vor STI?
Nein. Die Pille verhindert eine Schwangerschaft, bietet aber keinen Schutz vor sexuell übertragbaren Infektionen. Für STI-Schutz brauchst du zusätzlich ein Kondom oder Femidom.Kann ich mehrere Methoden kombinieren?
Ja. Der sogenannte Doppelschutz kombiniert eine hormonelle oder intrauterine Methode mit einem Kondom. Das bietet Schutz vor Schwangerschaft und STI.Was tun bei vergessener Pille?
Das hängt davon ab, welche Pille du nimmst und wie viele Stunden vergangen sind. In der Packungsbeilage findest du genaue Anweisungen. Im Zweifel hilft ein Anruf bei der Frauenärztin oder dem Frauenarzt.Wie sicher ist der „Rückzieher"?
Der Coitus interruptus ist eine der unsichersten Methoden. Der Pearl-Index liegt bei etwa 22. Zudem bietet er keinen Schutz vor STI. Mehr dazu im Abschnitt Verhütungsmythen.Weiterführende Informationen
Beratungsstellen
In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es zahlreiche Beratungsstellen, die kostenlos und vertraulich zu Verhütung, Sexualität und Familienplanung beraten – zum Beispiel bei pro familia, der BZgA oder den Gesundheitsämtern.Kostenübernahme durch die Krankenkasse
In Deutschland übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für verschreibungspflichtige Verhütungsmittel für Frauen bis zum 22. Lebensjahr. Danach müssen die Kosten in der Regel selbst getragen werden. Einige Krankenkassen bieten freiwillige Zusatzleistungen an.Links zu den einzelnen Methoden
- Hormonelle Verhütungsmethoden
- Barrieremethoden
- Intrauterine Methoden (Spirale)
- Natürliche Verhütungsmethoden
- Notfallverhütung
- Sterilisation
- PrEP (Präexpositionsprophylaxe)
- Verhütungsmythen