Prostitution besitzt in Frankreich eine lange und wechselvolle Geschichte. Kaum ein anderes europäisches Land hat seinen rechtlichen Umgang mit sexuellen Dienstleistungen im Laufe der vergangenen zwei Jahrhunderte so grundlegend verändert. Von der staatlich überwachten Prostitution des 19. Jahrhunderts über die Schließung der Bordelle nach dem Zweiten Weltkrieg bis hin zur heutigen Bestrafung der Kunden hat Frankreich mehrfach den politischen Kurs geändert.
Dabei entwickelte sich Frankreich schrittweise von einem sogenannten regulierungsorientierten System zu einem abolitionistischen Modell. Der entscheidende Gedanke des heutigen französischen Rechts besteht darin, Prostitution nicht einfach als gewöhnliche gewerbliche Tätigkeit zu behandeln, sondern insbesondere Zuhälterei, Menschenhandel und die Ausbeutung von Prostituierten zu bekämpfen und gleichzeitig Menschen beim Ausstieg aus der Prostitution zu unterstützen. Die französische Politik bezeichnet diesen Ansatz häufig als Kampf gegen das sogenannte „système prostitutionnel“.
Ein besonders wichtiger Einschnitt erfolgte 2016. Mit dem Gesetz vom 13. April 2016 wurde der Kauf sexueller Dienstleistungen unter Strafe gestellt. Damit verlagerte sich die strafrechtliche Verantwortung in wesentlichem Umfang vom Anbieter sexueller Dienstleistungen auf die nachfragende Person. Artikel 611-1 des französischen Strafgesetzbuches ist auch 2026 weiterhin in Kraft.
Die französische Prostitutionspolitik unterscheidet sich damit deutlich vom deutschen Modell. Während Deutschland freiwillige Prostitution Erwachsener grundsätzlich legalisiert und reguliert, verfolgt Frankreich einen abolitionistischen Ansatz, bei dem der Kauf sexueller Dienstleistungen verboten ist.
Prostitution im Frankreich des 19. Jahrhunderts
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich in Frankreich ein System der staatlichen Regulierung der Prostitution. Besonders Paris wurde zu einem der bedeutendsten Zentren des europäischen Nachtlebens und der kommerziellen Sexualität.
Die Behörden versuchten nicht, Prostitution vollständig aus der Gesellschaft zu entfernen. Stattdessen sollte sie kontrolliert, überwacht und möglichst aus dem öffentlichen Straßenbild herausgehalten werden.
Ein wesentliches Element dieses Systems war die polizeiliche Registrierung. Personen, die als Prostituierte eingestuft wurden, konnten in kommunalen Registern erfasst werden. Hinzu kamen regelmäßige gesundheitliche Untersuchungen.
Hinter diesem System stand vor allem die Angst vor Geschlechtskrankheiten, insbesondere Syphilis. Die Behörden betrachteten Prostitution als mögliches gesundheitliches Risiko für die Bevölkerung und insbesondere für Soldaten.
Die französische historische Entwicklung zeigt damit bereits im 19. Jahrhundert einen grundlegenden Widerspruch: Der Staat wollte Prostitution nicht unbedingt abschaffen, sondern sie kontrollieren und gleichzeitig ihre sichtbarsten Erscheinungsformen begrenzen. Eine offizielle Untersuchung der französischen Regierung beschreibt für das frühe 19. Jahrhundert die Einführung einer organisierten gesundheitlichen Überwachung, die Registrierung und regelmäßige medizinische Untersuchungen miteinander verband.
Die sogenannten maisons closes
Eine besondere Bedeutung besaßen die sogenannten „maisons closes“, also staatlich geduldete beziehungsweise regulierte Bordelle. Sie wurden zu einem charakteristischen Bestandteil der französischen Prostitutionsgeschichte.
In diesen Einrichtungen konnte Prostitution unter bestimmten staatlichen Rahmenbedingungen stattfinden. Die Behörden hatten dadurch eine Möglichkeit, das Gewerbe zu überwachen und gleichzeitig die Prostitution aus anderen Bereichen des öffentlichen Lebens herauszuhalten.
Für die Frauen bedeutete dieses System allerdings keineswegs vollständige Freiheit. Die Registrierung und medizinische Kontrolle bedeuteten einen erheblichen staatlichen Eingriff in die persönliche Lebensführung.
Die französische Regulierung war somit kein modernes System freiwilliger Erwerbstätigkeit im heutigen Sinne. Vielmehr handelte es sich um eine Kombination aus polizeilicher Überwachung, gesundheitspolitischer Kontrolle und gesellschaftlicher Ausgrenzung.
Das System beruhte zudem auf einer deutlichen geschlechtlichen Ungleichheit. Während die männliche Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen gesellschaftlich weitgehend toleriert wurde, konzentrierte sich die staatliche Kontrolle häufig auf die Frauen, die als Prostituierte identifiziert worden waren.
Paris als Zentrum der Prostitution
Paris entwickelte sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert zu einem internationalen Zentrum von Kultur, Unterhaltung und Prostitution.
Neben den offiziell kontrollierten Bordellen existierten zahlreiche informelle Formen der Prostitution. Bars, Tanzlokale, Varietés und andere Vergnügungsstätten bildeten Kontaktmöglichkeiten zwischen Kunden und Frauen.
Die Grenzen zwischen Unterhaltung und Prostitution waren dabei teilweise fließend. Eine Beschäftigung als Tänzerin, Sängerin oder Animierdame bedeutete nicht automatisch, dass eine Frau Prostituierte war. Dennoch konnten solche Arbeitsplätze eine Verbindung zum Prostitutionsmilieu herstellen.
Die internationale Bedeutung von Paris verstärkte diese Entwicklung. Touristen, Geschäftsleute, Künstler und Angehörige verschiedener sozialer Schichten trafen in der französischen Hauptstadt auf ein umfangreiches Nachtleben.
Prostitution wurde dadurch auch Teil des internationalen Bildes von Paris. Literatur, Kunst und später der Film griffen das Thema immer wieder auf.
Der Erste Weltkrieg und die gesundheitspolitische Kontrolle
Der Erste Weltkrieg verstärkte die gesundheitspolitische Bedeutung der Prostitution. Millionen französischer Männer dienten in den Streitkräften. Geschlechtskrankheiten wurden zu einem wichtigen militärischen und medizinischen Problem.
Die Behörden versuchten deshalb, sexuelle Kontakte von Soldaten zu kontrollieren und die Ausbreitung von Infektionen zu begrenzen.
Auch die Prostitution in der Nähe militärischer Einrichtungen wurde stärker überwacht. Der Staat betrachtete die Gesundheit der Soldaten als strategisches Interesse.
Damit wurde die Prostitution weiterhin nicht einfach abgeschafft. Sie wurde vielmehr in ein System aus Kontrolle, Überwachung und medizinischer Untersuchung eingebunden.
Diese Verbindung von Prostitution und Gesundheitspolitik prägte Frankreich noch weit über den Ersten Weltkrieg hinaus. Die staatliche Untersuchung zur französischen Prostitutionsgeschichte beschreibt insbesondere die Entwicklung der gesundheitlichen Kontrolle und die regelmäßigen medizinischen Untersuchungen als zentrale Bestandteile des früheren Regulierungssystems.
Prostitution in der Zwischenkriegszeit
Nach dem Ersten Weltkrieg blieb Prostitution in Frankreich weit verbreitet. Paris besaß weiterhin ein großes internationales Nachtleben und zog Menschen aus vielen Ländern an.
Gleichzeitig wurde zunehmend darüber diskutiert, ob die staatliche Regulierung tatsächlich die gewünschten gesundheitlichen und gesellschaftlichen Ziele erreichte.
Die Erfahrungen mit Geschlechtskrankheiten zeigten, dass Registrierung und medizinische Kontrollen die Probleme nicht vollständig lösen konnten. Zudem wurden die staatlichen Eingriffe in die Lebensführung der Prostituierten zunehmend kritisch betrachtet.
In den 1930er-Jahren verschärften sich die gesundheitspolitischen Maßnahmen nochmals. Der Erlass vom 29. November 1939 zur Bekämpfung venerischer Krankheiten sah unter anderem verpflichtende Untersuchungen und Behandlungen vor. Personen, die sich den vorgeschriebenen Untersuchungen widersetzten, konnten bestraft werden.
Die deutsche Besatzung und der Zweite Weltkrieg
Während des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung Frankreichs veränderten sich die Bedingungen erneut.
Prostitution existierte weiterhin und wurde unter den Bedingungen der Besatzung teilweise für militärische Zwecke kontrolliert. Die Anwesenheit deutscher Soldaten führte zu einer zusätzlichen Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen.
Dabei muss zwischen freiwilliger Prostitution und sexueller Gewalt beziehungsweise Zwang unterschieden werden. Die Besatzungssituation brachte erhebliche Machtungleichgewichte hervor, sodass sexuelle Kontakte nicht automatisch als freiwillige Prostitution eingeordnet werden können.
Die Erfahrungen der Besatzungszeit beeinflussten die französische gesellschaftliche Debatte nach 1945. Gleichzeitig gewann die internationale abolitionistische Bewegung an Bedeutung.
1946: Das Ende der maisons closes
Der wohl wichtigste historische Wendepunkt kam unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg.
Am 13. April 1946 verabschiedete Frankreich das Gesetz, das allgemein als „loi Marthe Richard“ bekannt wurde. Es führte zur Schließung der maisons closes.
Damit beendete Frankreich das traditionelle System der staatlich regulierten Bordelle. Gleichzeitig wurde die Registrierung der Prostituierten in den bisherigen Polizeiregistern abgeschafft.
Die Reform bedeutete jedoch nicht, dass Prostitution vollständig legalisiert und als normale Erwerbstätigkeit anerkannt wurde. Vielmehr begann damit der Übergang zu einem abolitionistischen System.
Das Ziel bestand zunehmend darin, nicht die Prostituierten selbst, sondern die Ausbeutung der Prostitution und insbesondere Zuhälterei zu bekämpfen.
Die staatliche Untersuchung zur Geschichte der französischen Prostitutionspolitik bestätigt, dass das Gesetz vom 13. April 1946 die Schließung der Bordelle vorsah und die polizeiliche Registrierung abschaffte. Gleichzeitig blieben zunächst gesundheitliche und soziale Kontrollmechanismen bestehen.
Die Entwicklung zum abolitionistischen Modell
Nach 1946 entwickelte sich Frankreich schrittweise zu einem abolitionistischen Staat.
Der Begriff „Abolitionismus“ bedeutet in diesem Zusammenhang nicht einfach, dass jede Form der Prostitution strafbar ist. Vielmehr richtet sich die Politik grundsätzlich gegen die Organisation und Ausbeutung der Prostitution durch Dritte und gegen Menschenhandel.
Die Person, die sich prostituiert, sollte zunehmend nicht mehr als Täterin betrachtet werden.
Diese Entwicklung wurde 1960 durch die Ratifizierung des Übereinkommens der Vereinten Nationen von 1949 zur Bekämpfung des Menschenhandels und der Ausbeutung der Prostitution anderer verstärkt.
Frankreich gab damit das frühere regulierungsorientierte Modell weiter auf. Die staatliche Untersuchung beschreibt 1960 als entscheidenden Schritt hin zu einem abolitionistischen System. Die gesundheitliche Überwachung der Prostitution wurde beendet und die Bekämpfung der Zuhälterei verstärkt.
Prostitution in Frankreich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Nach dem Ende der regulierten Bordelle verschwand die Prostitution nicht. Sie verlagerte sich vielmehr in andere Bereiche.
Prostituierte arbeiteten zunehmend auf der Straße, in Hotels, Wohnungen, Bars und später über verschiedene Formen der Kontaktvermittlung.
Damit entstand ein neues Problem. Der Staat hatte die kontrollierten Bordelle abgeschafft, konnte aber die Prostitution selbst nicht vollständig beseitigen.
Besonders in Großstädten blieb Straßenprostitution sichtbar. Paris, Marseille, Lyon und andere Städte entwickelten unterschiedliche Prostitutionsmilieus.
Die französische Politik konzentrierte sich deshalb zunehmend auf die Bekämpfung von Zuhälterei und Menschenhandel.
Die rechtliche Situation blieb dennoch kompliziert. Prostitution als solche war nicht generell verboten, während zahlreiche Formen der Organisation und Ausbeutung strafbar waren.
Die zunehmende Bedeutung von Migration
Seit den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurde die französische Prostitutionslandschaft zunehmend international.
Migration aus europäischen Staaten, Afrika, Lateinamerika und anderen Regionen führte zu einer größeren internationalen Zusammensetzung des Prostitutionsmilieus.
Dabei ist es wichtig, zwischen Migration, freiwilliger Prostitution und Menschenhandel zu unterscheiden. Nicht jede ausländische Person, die in Frankreich sexuelle Dienstleistungen anbietet, ist Opfer von Menschenhandel.
Gleichzeitig stellt Menschenhandel ein erhebliches Problem dar. Kriminelle Netzwerke können Personen durch Täuschung, Abhängigkeit, Gewalt oder andere Formen der Ausbeutung in die Prostitution zwingen.
Das französische Innenministerium dokumentiert für die jüngere Vergangenheit weiterhin erhebliche Fälle von Zuhälterei und Menschenhandel. Für 2024 wurden in Frankreich unter anderem 47 Prozent der registrierten Opfer von Menschenhandel oder Ausbeutung dem Bereich der Zuhälterei zugeordnet.
Die Debatte über die Kriminalisierung der Kunden
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts verschärfte sich die politische Diskussion über Prostitution.
Ein Teil der französischen Politik vertrat zunehmend die Auffassung, dass Prostitution nicht allein als freiwillige individuelle Dienstleistung betrachtet werden könne. Stattdessen wurde die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen als Bestandteil eines Systems verstanden, das wirtschaftliche und geschlechtsspezifische Ungleichheiten reproduziere.
Aus dieser politischen Perspektive sollte der Staat nicht hauptsächlich die Prostituierten kontrollieren, sondern die Nachfrage reduzieren und gleichzeitig Menschen beim Ausstieg unterstützen.
Diese Diskussion führte schließlich zum Gesetz vom 13. April 2016.
Das französische Gesetz von 2016
Am 13. April 2016 verabschiedete Frankreich das Gesetz „visant à renforcer la lutte contre le système prostitutionnel et à accompagner les personnes prostituées“.
Der vollständige Titel macht bereits die beiden zentralen Ziele deutlich: die Bekämpfung des Prostitutionssystems und die Begleitung der betroffenen Personen.
Der wichtigste rechtliche Schritt war die Einführung einer Sanktion gegen den Kauf sexueller Dienstleistungen.
Artikel 611-1 des französischen Strafgesetzbuches stellt das Nachfragen, Akzeptieren oder Erlangen sexueller Handlungen gegen Bezahlung, eine Zahlungszusage oder einen geldwerten Vorteil unter Strafe. Die Regelung gilt auch bei gelegentlicher Prostitution.
Damit wurde die rechtliche Verantwortung bewusst auf die Nachfrageseite ausgeweitet.
Der Kunde kann grundsätzlich mit einer Geldbuße wegen einer Übertretung fünfter Klasse belegt werden. Bei bestimmten erschwerenden Umständen gelten weitergehende strafrechtliche Sanktionen.
Das sogenannte nordische beziehungsweise französische Modell
Die französische Regelung wird häufig dem sogenannten nordischen Modell zugerechnet. Gemeint ist ein Ansatz, bei dem der Kauf sexueller Dienstleistungen sanktioniert wird, während die Person, die die Dienstleistung anbietet, nicht wegen der Prostitution selbst bestraft werden soll.
Frankreich verfolgt dabei einen abolitionistischen Ansatz. Ziel ist es, die Nachfrage zu reduzieren und die Prostitution langfristig zurückzudrängen.
Dieser Ansatz unterscheidet sich deutlich vom deutschen Modell.
Deutschland behandelt freiwillige Prostitution Erwachsener grundsätzlich als legale Tätigkeit und reguliert sie. Frankreich hingegen stellt den Kauf sexueller Dienstleistungen unter Strafe.
Damit handelt es sich um zwei grundsätzlich unterschiedliche rechtspolitische Philosophien.
Der Kunde als Adressat des Strafrechts
Seit 2016 richtet sich ein wesentlicher Teil der französischen Strafpolitik gegen den Kunden.
Artikel 611-1 des Code pénal ist nach dem aktuellen Stand auch im Jahr 2026 weiterhin gültig. Wer sexuelle Beziehungen von einer Person, die sich prostituiert, gegen Vergütung oder einen anderen vereinbarten Vorteil verlangt, akzeptiert oder erhält, begeht eine entsprechende Ordnungswidrigkeit beziehungsweise strafrechtlich sanktionierte Übertretung.
Bei einer Wiederholung beziehungsweise bei besonders schutzbedürftigen Personen gelten strengere Vorschriften. Insbesondere der Kauf sexueller Dienstleistungen von Minderjährigen oder besonders vulnerablen Personen kann deutlich schwerwiegender bestraft werden.
Die französische Regelung setzt damit bewusst ein politisches Signal: Die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen soll nicht als rechtlich neutraler Vorgang betrachtet werden.
Der Schutz von Personen in der Prostitution
Das Gesetz von 2016 sollte jedoch nicht nur die Nachfrage bestrafen. Ein zweiter Schwerpunkt ist die Unterstützung von Personen, die die Prostitution verlassen möchten.
Dafür wurde ein sogenannter „parcours de sortie de la prostitution“, also ein Ausstiegsprogramm, geschaffen.
Das Programm soll den Betroffenen Unterstützung bei der sozialen und beruflichen Wiedereingliederung ermöglichen. Dazu können unter anderem soziale Betreuung, Zugang zu Wohnraum, Unterstützung bei der beruflichen Integration und – unter bestimmten Voraussetzungen – aufenthaltsrechtliche Maßnahmen gehören.
Das französische Innenministerium beschreibt, dass die Ausstiegsprogramme von den Präfekturen umgesetzt werden. Für ausländische Betroffene können dabei befristete Aufenthaltserlaubnisse beziehungsweise vorläufige Aufenthaltsdokumente vorgesehen werden.
Damit versucht Frankreich, die Prostitutionspolitik mit einer sozialpolitischen Komponente zu verbinden.
Die praktische Umsetzung des Ausstiegsprogramms
Die Umsetzung erwies sich allerdings als anspruchsvoll.
Eine staatliche Evaluation des Gesetzes von 2016 zeigte, dass der Zugang zu Ausbildung und Beschäftigung für Teilnehmer der Ausstiegsprogramme nicht immer einfach war.
In der Evaluation bewerteten zahlreiche befragte Präfekturen den Zugang zu Ausbildung als schwierig oder sehr schwierig. Als Hindernisse wurden unter anderem die begrenzte Dauer bestimmter Aufenthaltstitel und mangelnde Französischkenntnisse genannt.
Damit zeigt sich ein generelles Problem staatlicher Ausstiegsprogramme: Ein gesetzlicher Ausstiegsweg allein reicht nicht aus. Wer die Prostitution verlassen möchte, benötigt in der Praxis Einkommen, Wohnraum, Zugang zu Ausbildung, soziale Unterstützung und gegebenenfalls einen gesicherten Aufenthaltsstatus.
Prostitution und Menschenhandel
Ein zentraler Bestandteil der französischen Prostitutionspolitik ist die Bekämpfung von Menschenhandel und Zuhälterei.
Frankreich verfügt über spezialisierte Polizeieinheiten und strafrechtliche Instrumente gegen organisierte Ausbeutung.
Nach den aktuellen französischen Statistiken wurden 2024 insgesamt zahlreiche Fälle von Menschenhandel und Ausbeutung registriert. Unter den polizeilich und gendarmerieseitig erfassten Opfern entfiel ein erheblicher Anteil auf Zuhälterei. Gleichzeitig waren Minderjährige besonders gefährdet. Für 2024 wurden 490 minderjährige Opfer von Menschenhandel oder Ausbeutung registriert, was gegenüber 2023 einem Anstieg von 22 Prozent entsprach.
Das französische Innenministerium weist zudem darauf hin, dass die Prostitution Minderjähriger ein besonders komplexes Problem darstellt und Schätzungen von mehreren tausend betroffenen Minderjährigen ausgehen.
Diese Zahlen beziehen sich auf behördlich bekannte Fälle beziehungsweise Schätzungen. Sie dürfen daher nicht mit einer vollständigen Erfassung des tatsächlichen Ausmaßes gleichgesetzt werden.
Prostitution Minderjähriger
Bei Minderjährigen verfolgt Frankreich einen besonders strengen Schutzansatz.
Bereits das Gesetz von 2002 stellte ausdrücklich klar, dass Minderjährige, die sich prostituieren, als gefährdet gelten und unter den Schutz der Kinder- und Jugendhilfe beziehungsweise des Jugendrichters fallen können.
Das französische Recht unterscheidet damit deutlich zwischen erwachsenen Personen und Minderjährigen.
Bei Erwachsenen steht die politische Debatte über Selbstbestimmung, Ausbeutung und Nachfrage im Vordergrund. Bei Minderjährigen dominiert dagegen der Schutzgedanke.
Der Kauf sexueller Dienstleistungen von Minderjährigen ist wesentlich schwerer strafbar als der allgemeine Kauf sexueller Dienstleistungen.
Straßenprostitution und kommunale Konflikte
Die französische Prostitutionspolitik führte auch zu erheblichen Konflikten auf kommunaler Ebene.
Straßenprostitution betrifft nicht nur die Personen, die sexuelle Dienstleistungen anbieten, sondern auch Anwohner, Gewerbetreibende und Kommunen.
Probleme können insbesondere durch Verkehr, Lärm, Abfall, Belästigungen und Konflikte im öffentlichen Raum entstehen.
Gleichzeitig kann eine starke Verdrängung aus dem öffentlichen Raum dazu führen, dass Prostituierte an weniger sichtbare und möglicherweise gefährlichere Orte ausweichen.
Genau hier liegt eine der schwierigsten Fragen der französischen Politik: Eine Reduzierung der Sichtbarkeit ist nicht automatisch gleichbedeutend mit einer Reduzierung der Prostitution.
Das Internet verändert die französische Prostitutionslandschaft
Wie in vielen europäischen Ländern hat das Internet auch in Frankreich die Prostitution erheblich verändert.
Kontakte können heute über Webseiten, soziale Netzwerke und digitale Plattformen hergestellt werden. Dadurch ist die klassische Straßenprostitution nur noch ein Teil des Gesamtbildes.
Für die Behörden bedeutet diese Entwicklung zusätzliche Herausforderungen. Die Vermittlung kann international erfolgen, während Anbieter und Kunden sich in Frankreich befinden.
Auch die Bekämpfung des Menschenhandels wird dadurch komplizierter. Anzeigen können schnell erstellt und wieder gelöscht werden. Betreiber können ihre Aktivitäten über verschiedene digitale Plattformen verlagern.
Die Digitalisierung hat somit nicht dazu geführt, dass Prostitution verschwindet. Sie hat vielmehr die Formen verändert, in denen sexuelle Dienstleistungen angeboten und nachgefragt werden.
Wie groß ist die Prostitution in Frankreich?
Eine exakte Zahl aller Personen, die in Frankreich sexuelle Dienstleistungen anbieten, lässt sich nicht seriös bestimmen.
Das liegt unter anderem daran, dass Prostitution in unterschiedlichen Formen stattfindet und nicht vollständig staatlich registriert wird.
Straßenprostitution, Wohnungsprostitution, Escortangebote und internetbasierte Vermittlung lassen sich statistisch nur teilweise erfassen.
Auch polizeiliche Statistiken über Menschenhandel oder Zuhälterei können nicht als Gesamtstatistik der Prostitution interpretiert werden. Sie erfassen insbesondere Fälle, die den Behörden bekannt geworden sind.
Deshalb sollte bei Angaben zur Größe des französischen Prostitutionsmarktes immer zwischen Schätzungen, behördlich registrierten Fällen und der tatsächlichen Gesamtzahl unterschieden werden.
Die französische Position in Europa
Frankreich gehört heute zu den europäischen Staaten, die einen abolitionistischen Ansatz verfolgen.
Dieser Ansatz unterscheidet sich sowohl von einer vollständigen Kriminalisierung der Prostitution als auch von einer weitgehenden Legalisierung und Regulierung wie in Deutschland.
Frankreich versucht, die Nachfrage zu reduzieren, Zuhälterei und Menschenhandel zu bekämpfen und gleichzeitig Personen beim Ausstieg aus der Prostitution zu unterstützen.
Das Modell wird international kontrovers diskutiert. Befürworter sehen darin einen wichtigen Schritt gegen sexuelle Ausbeutung und die Kommerzialisierung des Körpers.
Kritiker argumentieren dagegen, dass die Bestrafung der Kunden die Prostitution nicht automatisch beendet und die Tätigkeit möglicherweise in weniger sichtbare Bereiche verlagert.
Damit steht die französische Prostitutionspolitik bis heute zwischen zwei gegensätzlichen Zielsetzungen: der politischen Absicht, Prostitution zurückzudrängen, und der Notwendigkeit, die Sicherheit und Rechte derjenigen zu schützen, die weiterhin in diesem Bereich tätig sind.
Frankreich und Deutschland im Vergleich
Der Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland ist besonders deutlich.
Deutschland verfolgt grundsätzlich einen regulierten Legalisierungsansatz. Freiwillige Prostitution Erwachsener ist grundsätzlich zulässig und wird durch gesetzliche Regelungen kontrolliert.
Frankreich verfolgt dagegen ein abolitionistisches Modell. Die Person, die sexuelle Dienstleistungen anbietet, soll nicht wegen der Prostitution selbst bestraft werden. Der Kauf sexueller Dienstleistungen ist dagegen seit 2016 strafbar.
Beide Länder verfolgen damit unterschiedliche politische Ziele.
Deutschland versucht, einen legalen Markt zu regulieren und die Rechte der Prostituierten zu stärken. Frankreich versucht stärker, die Nachfrage zu reduzieren und Prostitution langfristig zurückzudrängen.
Welche Strategie langfristig erfolgreicher ist, lässt sich nicht durch einen einzelnen statistischen Wert beantworten. Entscheidend sind unter anderem Sicherheit, Gewalt, Menschenhandel, wirtschaftliche Abhängigkeit, soziale Absicherung und die tatsächliche Möglichkeit, die Tätigkeit freiwillig auszuüben oder zu verlassen.
Die Situation in Frankreich heute
Frankreich verfolgt auch 2026 weiterhin den 2016 eingeschlagenen rechtspolitischen Kurs.
Der Kauf sexueller Dienstleistungen ist nach Artikel 611-1 des Code pénal weiterhin verboten und kann als Übertretung fünfter Klasse sanktioniert werden. Die entsprechende Regelung ist nach dem aktuellen Stand des französischen Strafgesetzbuches weiterhin in Kraft.
Gleichzeitig bestehen Maßnahmen zur Unterstützung von Personen, die die Prostitution verlassen möchten. Die sogenannten Ausstiegsprogramme werden durch die staatlichen Stellen und in Zusammenarbeit mit sozialen Einrichtungen umgesetzt.
Parallel dazu bekämpfen Polizei und Justiz Menschenhandel und Zuhälterei. Die aktuellen Statistiken zeigen, dass diese Deliktsbereiche weiterhin eine erhebliche Herausforderung darstellen.
Die französische Prostitutionspolitik ist damit weder ein vollständiges Verbot jeder Form von Prostitution noch eine klassische Legalisierung. Sie basiert vielmehr auf dem Versuch, Prostitution gesellschaftlich zurückzudrängen, die Nachfrage zu bestrafen und gleichzeitig die betroffenen Personen zu schützen.
Fazit
Die Geschichte der Prostitution in Frankreich ist eine Geschichte tiefgreifender rechtlicher und gesellschaftlicher Veränderungen.
Im 19. Jahrhundert setzte Frankreich auf staatliche Regulierung. Prostitution wurde überwacht, registriert und medizinisch kontrolliert. Besonders die Angst vor Geschlechtskrankheiten prägte das damalige System.
Die maisons closes waren Ausdruck dieses regulierten Systems. Sie machten Prostitution für die Behörden kontrollierbarer, beseitigten sie jedoch nicht.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einem grundlegenden Kurswechsel. Das Gesetz vom 13. April 1946, die sogenannte loi Marthe Richard, führte zur Schließung der Bordelle und leitete den Übergang zum abolitionistischen Modell ein.
1960 verstärkte Frankreich diesen Kurs durch die Ratifizierung des UN-Übereinkommens von 1949 gegen Menschenhandel und die Ausbeutung der Prostitution anderer. Die staatliche Politik konzentrierte sich zunehmend auf die Bekämpfung von Zuhälterei und Ausbeutung.
Der entscheidende moderne Wendepunkt war schließlich das Gesetz vom 13. April 2016. Seitdem ist der Kauf sexueller Dienstleistungen in Frankreich strafbar. Artikel 611-1 des Code pénal gilt auch 2026 weiterhin.
Gleichzeitig wurde ein staatliches Ausstiegssystem geschaffen. Menschen, die die Prostitution verlassen möchten, können Unterstützung bei sozialer und beruflicher Wiedereingliederung erhalten. Für bestimmte ausländische Betroffene bestehen außerdem aufenthaltsrechtliche Hilfen.
Frankreich verfolgt damit einen deutlich anderen Weg als Deutschland. Während Deutschland freiwillige Prostitution Erwachsener grundsätzlich zulässt und reguliert, versucht Frankreich vor allem, die Nachfrage zu reduzieren und Prostitution langfristig zurückzudrängen.
Die französische Erfahrung zeigt jedoch auch, dass eine rechtliche Veränderung allein die Prostitution nicht verschwinden lässt. Trotz des Verbots des Kaufs sexueller Dienstleistungen existieren weiterhin verschiedene Formen der Prostitution. Gleichzeitig bleiben Menschenhandel, Zuhälterei und sexuelle Ausbeutung erhebliche Probleme. Die französischen Behörden registrierten 2024 weiterhin eine große Zahl von Opfern von Menschenhandel und Ausbeutung, wobei Zuhälterei einen erheblichen Anteil ausmachte.
Die zentrale Herausforderung besteht deshalb darin, mehrere Ziele gleichzeitig zu erreichen: Menschenhandel und Gewalt müssen konsequent bekämpft, Minderjährige geschützt und ausbeuterische Strukturen zerschlagen werden. Gleichzeitig müssen Erwachsene, die sich in einer schwierigen Lebenssituation befinden, Zugang zu Beratung, medizinischer Versorgung, sozialer Unterstützung und realistischen Alternativen erhalten.
Die Geschichte Frankreichs zeigt letztlich, dass Prostitution weder durch staatliche Duldung noch durch ein Verbot einfach verschwindet. Sie verändert ihre Erscheinungsformen entsprechend den rechtlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.
Frankreich hat sich für einen klaren abolitionistischen Kurs entschieden. Ob dieser Ansatz langfristig zu einer wesentlichen Verringerung der Prostitution führt, bleibt Gegenstand politischer und wissenschaftlicher Diskussion. Sicher ist jedoch: Frankreich hat mit der Bestrafung der Nachfrage seit 2016 einen der weitreichendsten europäischen Ansätze zur Veränderung des Prostitutionsmarktes gewählt.