Was sind natürliche Verhütungsmethoden?
Natürliche Verhütungsmethoden beruhen auf der Beobachtung und Auswertung körperlicher Zeichen, die den Verlauf des Menstruationszyklus und die fruchtbare Phase anzeigen. Sie greifen nicht in den Hormonhaushalt ein und verwenden keine künstlichen Hilfsmittel. Der Grundgedanke: Eine Frau kann nur an wenigen Tagen ihres Zyklus schwanger werden – nämlich um den Eisprung herum. Wenn diese Tage zuverlässig bestimmt werden, kann an den übrigen Tagen Geschlechtsverkehr ohne zusätzliche Verhütung stattfinden.Wichtig zu wissen: Die Eizelle ist nach dem Eisprung nur etwa 12 bis 24 Stunden befruchtungsfähig. Spermien können jedoch bis zu 5 Tage – in seltenen Fällen sogar bis zu 7 Tage – im weiblichen Körper überleben. Deshalb sind auch die Tage vor dem Eisprung fruchtbar: Geschlechtsverkehr bis zu 5 Tage vor dem Eisprung kann zu einer Schwangerschaft führen.[reference:0]
Gemeinsame Merkmale
- Hormonfrei: Kein Eingriff in den natürlichen Zyklus
- Keine Nebenwirkungen: Keine künstlichen Hormone, keine mechanischen Fremdkörper
- Körperbewusstsein: Erfordert das Kennenlernen und Beobachten des eigenen Körpers
- Disziplin und Mitarbeit: Tägliche Beobachtung und gewissenhafte Auswertung sind Voraussetzung
- Kein STI-Schutz: Natürliche Methoden schützen nicht vor sexuell übertragbaren Infektionen[reference:1]
- Beide Partner einbeziehen: Die Methode funktioniert nur, wenn beide Partner mitarbeiten
Welche natürlichen Verhütungsmethoden gibt es?
Natürliche Verhütungsmethoden unterscheiden sich vor allem darin, wie die fruchtbaren Tage bestimmt werden. Die folgende Tabelle gibt dir einen ersten Überblick:| Methode | Grundlage | Pearl-Index (perfekt / typisch) | STI-Schutz |
|---|---|---|---|
| Symptothermale Methode | Temperatur + Zervixschleim | 0,4 / 1,8–2,3 | Nein |
| Temperaturmethode | Basaltemperatur | 0,3–0,8 / 3–20 | Nein |
| Zervixschleim-Methode (Billings) | Zervixschleim | 1–3 / 10–15 | Nein |
| Kalendermethode (Knaus-Ogino) | Zyklusberechnung | 5–9 / 12–40 | Nein |
| Coitus interruptus | Rückzug vor Ejakulation | 4 / 18–22 | Nein |
Die symptothermale Methode
Die symptothermale Methode ist die sicherste natürliche Verhütungsmethode. Sie kombiniert die Beobachtung mehrerer Körperzeichen: die tägliche Messung der Basaltemperatur und die Beurteilung des Zervixschleims. Beide Zeichen werden in einem Zyklusblatt oder einer App dokumentiert und nach festen Regeln ausgewertet.[reference:2]Wirkung
Die symptothermale Methode bestimmt die fruchtbaren Tage durch die Kombination von Temperaturanstieg (nach dem Eisprung) und Veränderungen des Zervixschleims (vor dem Eisprung). An den fruchtbaren Tagen muss entweder auf Geschlechtsverkehr verzichtet oder zusätzlich verhütet werden – zum Beispiel mit einem Kondom. Ab einem Tag nach dem Eisprung bis zur nächsten Blutung ist kein zusätzlicher Schutz mehr nötig.[reference:3]Anwendung
- Basaltemperatur messen: Täglich nach dem Aufwachen, noch vor dem Aufstehen (vaginal, oral oder rektal). Die Temperatur steigt nach dem Eisprung um mindestens 0,2 °C an und bleibt bis zur nächsten Blutung erhöht.[reference:4]
- Zervixschleim beobachten: Die Beschaffenheit des Schleims am Scheideneingang wird täglich beurteilt. Vor dem Eisprung wird der Schleim durchlässiger für Spermien, nach dem Eisprung wird er wieder undurchlässig.[reference:5]
- Auswertung: Alle Beobachtungen werden in einem Zyklusblatt oder einer App festgehalten und nach festen Regeln ausgewertet.
- Fruchtbare Tage: Die fruchtbare Phase beginnt, sobald der Zervixschleim für Spermien durchlässig wird, und endet, wenn die Temperatur an drei aufeinanderfolgenden Tagen um mindestens 0,2 °C höher liegt als an den sechs Tagen davor.[reference:6]
Sicherheit
Die symptothermale Methode ist die sicherste natürliche Verhütungsmethode. Der Pearl-Index liegt bei perfekter Anwendung bei etwa 0,4 und bei typischer Anwendung bei 1,8 bis 2,3.[reference:7][reference:8] In einer Studie mit über 900 Anwenderinnen der symptothermalen Methode Sensiplan® wurde eine Schwangerschaftsrate von 1,8 pro 100 Frauenjahre ermittelt.[reference:9] Damit erreicht die symptothermale Methode bei konsequenter Anwendung eine Sicherheit, die mit der Pille vergleichbar ist.Wichtig: Die Sicherheit hängt entscheidend von der korrekten Anwendung und der Disziplin der Anwender ab. Wer die Regeln nicht konsequent befolgt, hat ein deutlich höheres Schwangerschaftsrisiko.
Vor- und Nachteile
- Vorteile: Hormonfrei, keine Nebenwirkungen, natürlicher Zyklus bleibt erhalten, kann auch zur Kinderwunscherfüllung genutzt werden, beide Partner werden einbezogen
- Nachteile: Erfordert tägliche Disziplin und Zeitaufwand, muss erlernt werden (Kurse, Bücher), ungeeignet bei unregelmäßigem Zyklus, kein STI-Schutz, schränkt die sexuelle Spontaneität an fruchtbaren Tagen ein
Die Temperaturmethode (Basaltemperaturmethode)
Die Temperaturmethode ist eine vereinfachte Form der symptothermalen Methode. Sie stützt sich ausschließlich auf die tägliche Messung der Basaltemperatur, also der Körpertemperatur direkt nach dem Aufwachen und noch vor dem Aufstehen.Wirkung
Die Temperaturmethode zeigt an, ob ein Eisprung stattgefunden hat – sie kann ihn aber nicht vorhersagen. Nach dem Eisprung steigt die Basaltemperatur um mindestens 0,2 °C an und bleibt bis zur nächsten Blutung erhöht. Ab drei Tagen nach dem Temperaturanstieg gelten die Tage bis zur nächsten Blutung als unfruchtbar.[reference:10]Sicherheit
Die Temperaturmethode ist weniger sicher als die symptothermale Methode, weil sie den Eisprung nicht vorhersagen kann. Vor dem Eisprung – also in der ersten Zyklushälfte – ist keine sichere Bestimmung der fruchtbaren Tage möglich. Der Pearl-Index liegt bei perfekter Anwendung bei 0,3 bis 0,8, bei typischer Anwendung jedoch bei 3 bis 20.Vor- und Nachteile
- Vorteile: Hormonfrei, nur eine Messung pro Tag, relativ einfach zu erlernen
- Nachteile: Keine Vorhersage des Eisprungs möglich, fehleranfällig bei Alkohol, Stress, Krankheit, Schlafmangel oder Schichtarbeit, kein STI-Schutz
Die Zervixschleim-Methode (Billings-Methode)
Die Zervixschleim-Methode – auch Billings-Methode oder Ovulationsmethode genannt – stützt sich ausschließlich auf die Beobachtung des Zervixschleims. Sie ist eine der ältesten natürlichen Verhütungsmethoden und wurde nach den australischen Ärzten John und Evelyn Billings benannt.Wirkung
Der Zervixschleim verändert sich im Laufe des Zyklus. Nach der Menstruation ist zunächst kaum Schleim vorhanden. Vor dem Eisprung wird der Schleim zunehmend flüssiger, klarer und dehnbarer – er ähnelt rohem Eiweiß und ermöglicht Spermien den Durchgang. Nach dem Eisprung wird der Schleim wieder dicker und undurchlässiger. Frauen beobachten die Beschaffenheit des Schleims am Scheideneingang und bestimmen so ihre fruchtbaren Tage.[reference:11]Sicherheit
Die Billings-Methode hat einen Pearl-Index von 1 bis 3 bei perfekter Anwendung und 10 bis 15 bei typischer Anwendung. Sie ist damit weniger sicher als die symptothermale Methode, besonders weil der Schleim auch durch andere Faktoren beeinflusst werden kann.Vor- und Nachteile
- Vorteile: Hormonfrei, kein Hilfsmittel nötig, kann auch zur Kinderwunscherfüllung genutzt werden
- Nachteile: Erfordert Übung und Erfahrung, fehleranfällig bei Infektionen oder Medikamenteneinnahme, kein STI-Schutz
Die Kalendermethode (Knaus-Ogino-Methode)
Die Kalendermethode – auch Knaus-Ogino-Methode genannt – ist die älteste Form der natürlichen Verhütung. Sie berechnet die fruchtbaren Tage anhand der Länge vergangener Menstruationszyklen, ohne den Körper zu beobachten.Wirkung
Die Kalendermethode geht davon aus, dass der Eisprung etwa 14 Tage vor Beginn der nächsten Menstruation stattfindet. Durch die Auswertung der vergangenen 6 bis 12 Zyklen werden die fruchtbaren Tage berechnet. Die Formel: Die kürzeste Zykluslänge minus 18 ergibt den ersten fruchtbaren Tag, die längste Zykluslänge minus 11 ergibt den letzten fruchtbaren Tag.[reference:12]Sicherheit
Die Kalendermethode ist die unsicherste natürliche Verhütungsmethode. Der Pearl-Index liegt bei perfekter Anwendung bei 5 bis 9, bei typischer Anwendung jedoch bei 12 bis 40.[reference:13][reference:14] Sie ist nur für Frauen mit sehr regelmäßigem Zyklus geeignet und wird von Fachgesellschaften nicht zur Verhütung empfohlen.Vor- und Nachteile
- Vorteile: Hormonfrei, keine tägliche Beobachtung nötig, kostengünstig
- Nachteile: Sehr unsicher, nur bei regelmäßigem Zyklus anwendbar, berücksichtigt keine individuellen Körpersignale, kein STI-Schutz
Der Coitus interruptus („Rückzieher")
Der Coitus interruptus – umgangssprachlich „Rückzieher" genannt – ist eine der ältesten Verhütungsmethoden überhaupt. Dabei zieht der Mann seinen Penis kurz vor dem Samenerguss aus der Vagina zurück, um eine Befruchtung zu verhindern.[reference:15]Wirkung
Der Coitus interruptus verhindert, dass Sperma in die Vagina gelangt. Die Methode erfordert hohe Selbstkontrolle und Disziplin des Mannes. Sie bietet keinen Schutz vor sexuell übertragbaren Infektionen.[reference:16]Sicherheit
Der Pearl-Index für Coitus interruptus liegt zwischen 4 und 22, abhängig von der korrekten Anwendung.[reference:17][reference:18] Bei perfekter Anwendung (also wenn der Mann den Penis immer rechtzeitig zurückzieht) liegt die Effektivität bei etwa 96 Prozent. Bei typischer Anwendung – also mit Anwendungsfehlern – sind es nur etwa 78 Prozent.[reference:19] Das bedeutet: Etwa eine von fünf Personen, die sich auf die Rückzieher-Methode verlassen, wird innerhalb eines Jahres schwanger.[reference:20]Wichtig: Schon geringe Mengen an Spermien im Präejakulat (dem „Lusttropfen" vor dem Samenerguss) können zu einer Befruchtung führen. Deshalb ist die Methode deutlich unsicherer als alle anderen Verhütungsmethoden.[reference:21]
Vor- und Nachteile
- Vorteile: Keine Hilfsmittel nötig, kostenlos, immer verfügbar
- Nachteile: Sehr unsicher, erfordert hohe Selbstkontrolle, kann die sexuelle Zufriedenheit mindern, kein STI-Schutz, nicht für Männer mit Ejakulationsproblemen geeignet
Die Laktationsamenorrhoe-Methode (LAM)
Die Laktationsamenorrhoe-Methode (LAM) nutzt die natürliche Unfruchtbarkeit während der Stillzeit. Sie ist eine vorübergehende Verhütungsmethode für Frauen, die ihr Baby ausschließlich stillen.Wirkung
Das Stillen hemmt die Ausschüttung von Hormonen, die den Eisprung auslösen. Solange eine Frau ausschließlich stillt – also dem Baby keine anderen Nahrungsmittel oder Flüssigkeiten gibt – und keine Menstruationsblutung hat, ist sie mit hoher Wahrscheinlichkeit vor einer Schwangerschaft geschützt. Die LAM ist jedoch nur in den ersten 6 Monaten nach der Geburt zuverlässig.Sicherheit
Die LAM ist eine sichere Methode, solange alle drei Bedingungen erfüllt sind: ausschließliches Stillen, keine Menstruationsblutung und weniger als 6 Monate seit der Geburt. Sobald eine dieser Bedingungen nicht mehr erfüllt ist, muss auf eine andere Verhütungsmethode umgestiegen werden.Vergleich der natürlichen Methoden
Die folgende Tabelle stellt die wichtigsten natürlichen Verhütungsmethoden im direkten Vergleich gegenüber:| Merkmal | Symptothermal | Temperatur | Billings | Kalender | Coitus interruptus |
|---|---|---|---|---|---|
| Grundlage | Temperatur + Schleim | Nur Temperatur | Nur Schleim | Zyklusberechnung | Rückzug |
| Pearl-Index (perfekt) | 0,4 | 0,3–0,8 | 1–3 | 5–9 | 4 |
| Pearl-Index (typisch) | 1,8–2,3 | 3–20 | 10–15 | 12–40 | 18–22 |
| STI-Schutz | Nein | Nein | Nein | Nein | Nein |
| Hormonfrei | Ja | Ja | Ja | Ja | Ja |
| Erlernbar | Ja (Kurse) | Ja | Ja (Kurse) | Ja | Nein |
| Geeignet bei unregelmäßigem Zyklus | Bedingt | Bedingt | Bedingt | Nein | Ja |
Für wen eignen sich natürliche Verhütungsmethoden?
Natürliche Verhütungsmethoden sind für viele Paare eine Option – besonders für diejenigen, die keine Hormone verwenden möchten oder dürfen. Sie sind besonders geeignet für:- Paare mit Kinderwunsch oder abgeschlossener Familienplanung: NFP kann sowohl zur Verhütung als auch zur Förderung der Empfängnis genutzt werden.
- Frauen mit regelmäßigem Zyklus: Die symptothermale Methode funktioniert am besten bei regelmäßigen Zyklen.
- Paare mit hoher Motivation und Disziplin: Die tägliche Beobachtung und gewissenhafte Auswertung sind Voraussetzung.
- Frauen, die keine Hormone vertragen: NFP ist eine hormonfreie Alternative.
Wann natürliche Methoden nicht geeignet sind
- Bei stark unregelmäßigem Zyklus
- Bei Krankheit, Stress oder Schichtarbeit (beeinflusst die Temperatur)
- In der Stillzeit (außer LAM unter den genannten Bedingungen)
- Bei Infektionen oder Medikamenteneinnahme (beeinflusst den Zervixschleim)
- Bei erhöhtem Risiko für sexuell übertragbare Infektionen